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Vom Wissenschaftler zum Unternehmer

26.11.2025 / Was braucht es, damit aus Forschung ein Start-up werden kann? Das weiß Klaas Yperman, unser erster „Entrepreneur in Residence“. Mit einem „Helmholtz Enterprise“-Grant entwirft er eine Roadmap, um aus Wirkstoffen des Teams um Gary Lewin ein Medikament gegen neuropathische Schmerzen zu entwickeln.

Klaas Yperman (links) und Gary Lewin © Felix Petermann, Max Delbrück Center
Klaas Yperman (links) und Gary Lewin © Felix Petermann, Max Delbrück Center

Von Gary Lewins Forschung zu neuropathischen Schmerzen hörte Dr. Klaas Yperman zum ersten Mal, als er gemeinsam mit seiner Frau, Dr. Alice Rossi, und einem guten Freund bei einem zwanglosen Abendessen saß. Rossi forschte als Postdoktorandin in Professor Lewins Arbeitsgruppe „Molekulare Physiologie der somatosensorischen Wahrnehmung“. Sie war Teil eines Teams, das potenzielle Wirkstoffe zur Behandlung neuropathischer Schmerzen untersuchte. Yperman, selbst Neurowissenschaftler, fand die Forschung faszinierend.

Zu diesem Zeitpunkt arbeitete er, ebenfalls als Postdoktorand, am Leibniz-Forschungsinstitut für Molekulare Pharmakologie (FMP). Im Jahr 2023 kam Yperman als Innovationsmanager zum Max Delbrück Center. Die Abteilung „Innovation & Entrepreneurship“ prüft die Forschung des Zentrums mit Blick auf deren kommerzielles Potenzial – keine leichte Aufgabe angesichts der mehr als 80 Forschungsgruppen, sagt Yperman. Er wollte sich auf Lewins Forschung konzentrieren. Diese sei nicht nur interessant, sondern auch sehr weit fortgeschritten gewesen, sagt er: „Ich hatte mir den Markt angesehen und erkannt, dass wirklich ein Bedarf für neue Therapien gegen neuropathische Schmerzen besteht.“

Yperman packte die Idee nicht auf Eis, sondern brachte sie im Eis erst richtig in Schwung. „Ich wollte gerade in den Skiurlaub fahren, als ich sah, dass Helmholtz Enterprise ein Spin-off-Programm anbietet“, erinnert er sich lachend. „Ich dachte mir: Das ist genau das, was dieses Projekt braucht – jemanden, der sich ausschließlich um die geschäftliche Seite kümmert.“ Also packte er neben seinen Skiern auch den Laptop ein. „Jeden Abend während meines Urlaubs habe ich an diesem Antrag geschrieben“, erzählt Yperman. „Eingereicht habe ich ihn schließlich aus 3.000 Metern Höhe. Ich wollte nicht warten.“

Sein Engagement zahlte sich aus. Die Förderung wurde bewilligt und damit eröffnete sich ein neuer Weg: Yperman wurde der erste „Entrepreneur in Residence“ des Max Delbrück Center – mit der Aufgabe, einen Fahrplan zu erstellen, um Lewins Forschung zu Wirkstoffen gegen neuropathische Schmerzen in ein tragfähiges Start-up namens Allothera zu verwandeln.

Herr Yperman, wie sind Sie vom Innovationsmanager zum Entrepreneur in Residence geworden?

Als ich zum Max Delbrück Center kam, hatte das Team um Gary Lewin, wie ich fand, eines der innovativsten Forschungsprojekte. Es verfügte über eine hervorragende wissenschaftliche Grundlage, kombiniert mit einem dringenden therapeutischen Bedarf auf dem Gebiet der neuropathischen Schmerzen. Es gab nur niemanden, der sich in Vollzeit mit der Umsetzung dieses Projekts befasste.

Ich stieß dann auf das Spin-off-Programm von Helmholtz Enterprise – und mir wurde klar, dass damit jemand finanziert werden konnte, der sich zu hundert Prozent auf die geschäftliche Seite des Projekts konzentriert. Ursprünglich war gar nicht vorgesehen, dass ich diese Rolle übernehmen würde. Doch die Helmholtz-Jury sagte mir, entweder solle ich es selbst machen oder innerhalb von zwei Wochen jemanden finden – ansonsten würden sie die Förderung nicht genehmigen. Bei einem so engen Zeitrahmen hatte ich keine große Wahl: Ich nahm die Aufgabe an.

An welchem Projekt der AG Lewin arbeiten Sie konkret?

Das Team hat Wirkstoffe entwickelt, Small Molecules, die auf das Stomatin-ähnliche Protein 3, kurz STOML3, abzielen. Das Protein ist an der Wahrnehmung von Berührungen beteiligt. Wir sind noch in einem frühen Stadium, aber die präklinischen Daten sind vielversprechend.

Was bedeutet es in der Praxis, Entrepreneur in Residence zu sein?

Es bedeutet, dass ich Vollzeit daran arbeite, ein Start-up aufzubauen. Ich schreibe Förderanträge, erstelle die Roadmap, plane Meilensteine und finde heraus, wie die Finanzierung gelingt – sei es durch Fördermittel, Risikokapital oder Business Angels. Es geht darum, Wissenschaft in eine Strategie zu übersetzen: den Markt zu verstehen, zu wissen, an welcher Art von Medikament die Pharmaunternehmen interessiert sind – an einer Pille, einer Creme, einer Injektion – und Beziehungen zu Investor*innen und Kliniker*innen aufzubauen. Wir entwickeln nicht nur Medikamente. Wir erklären auch, warum die Welt sie braucht und wer sie kaufen wird.

Sie durften auch an einem Programm des Creative Destruction Lab, kurz CDL, teilnehmen. Wie war diese Erfahrung?

Unglaublich – und intensiv. CDL ist ein Mentoring-Programm, das Risikokapitalgeber*innen, Pharmastrateg*innen und erfahrene Unternehmer*innen zusammenbringt. Man stellt sein Projekt dort vor, setzt klare Ziele und erhält ein schonungslos ehrliches Feedback. Es ist hart, denn sie beschönigen dort wirklich nichts. Man hört Dinge wie: „Sie haben kein Geschäftsmodell.“ Oder: „Warum sollte jemand das finanzieren wollen?“ Aber genau das braucht man: die Ehrlichkeit von Leuten, die wissen, wovon sie reden. Von den 20 Personen, die letztes Jahr an dem Programm teilgenommen haben, sind nur sieben übriggeblieben. Das zeigt, wie streng der Prozess ist. Ich arbeite jetzt mit zwei Mentoren zusammen, die mir helfen, einen Fahrplan für unser Start-up Allothera zu entwickeln. Wir werden unser Allerbestes geben, um das CDL-Programm noch in diesem Jahr erfolgreich abzuschließen.

Was macht es so schwierig, akademische Forschung in ein Start-up zu verwandeln?

Viele Wissenschaftler*innen lieben die Forschung im Labor – und das ist großartig. Aber wenn sie ihre Entdeckung zum Leben erwecken wollen, müssen sie das Labor verlassen. Sie müssen über den Markt, regulatorische Aspekte, geistiges Eigentum und die Finanzierung nachdenken. Sie müssen auch wissen, wer für die weitere Entwicklung ihres Produkts bezahlen wird, wie Kliniker*innen es einsetzen werden und wie sie Investor*innen davon überzeugen können.

Wie hat Ihre bisherige Laufbahn Sie darauf vorbereitet?

Ich habe meinen Doktortitel in Pflanzenbiotechnologie am VIB, dem Vlaams Instituut voor Biotechnologie, in Belgien erworben und anschließend als Postdoc in der Neurobiologie am FMP in Berlin gearbeitet. Irgendwann wusste ich, dass reine Grundlagenforschung nichts für mich ist – sie ist mir zu einsam. Meine Frau war damals Beraterin im Bereich Life Sciences und brachte mir bei, wie man als Berater denkt: wie man Marktanalysen macht, Wettbewerber identifiziert und Werte evaluiert. Da wurde mir klar, dass Forschende die geschäftliche Seite leicht erlernen können. Man braucht nur Neugier und Lernbereitschaft.

Worauf liegt Ihr Fokus im Moment?

Gerade konzentriere ich mich hauptsächlich darauf, einen Fahrplan zu erstellen und strategische Verbindungen aufzubauen – zu Risikokapitalgeber*innen, Kliniker*innen und potenziellen Partner*innen. Ich nehme Kontakt zu Menschen auf, stelle ihnen unsere wissenschaftliche Grundlage und die Vision für das Unternehmen vor, höre mir ihr Feedback an und melde mich dann einige Monate später mit neuen Daten und Ideen zurück. Es geht darum, Vertrauen und Glaubwürdigkeit aufzubauen. Außerdem erkunde ich neue Fördermöglichkeiten und strategische Kooperationen.

Das alles zählt zu den Soft Skills. Warum sind sie für Ihre Arbeit so wichtig?

Man kann über die beste Technologie der Welt verfügen. Doch wenn man nicht in der Lage ist, sie zu vermitteln, andere zu begeistern und Vertrauen zu seinem Team und seinen Investor*innen aufzubauen, wird man nicht weit kommen.

Die Fragen stellte: Gunjan Sinha

 

Quelle: Max Delbrück Center
Vom Wissenschaftler zum Unternehmer

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