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Forschen für eine gesündere Zukunft

15.01.2015 / Interview mit Prof. Tobias Pischon, MDC, Sprecher des Clusters Berlin-Brandenburg in der Nationalen Kohorte und Leiter des Studienzentrums Nord

Pischon

Foto: David Ausserhofer/Copyright: MDC

Herr Prof. Pischon, im Frühjahr 2014 ist die Bevölkerungsstudie „Nationale Kohorte“ angelaufen. Was ist darunter zu verstehen?
Die „Nationale Kohorte“ ist eine Beobachtungsstudie mit dem Ziel, Ursachen und Risikofaktoren für die wichtigsten chronischen Krankheiten zu ermitteln. Deutschlandweit werden dafür 200.000 Personen zwischen 20 und 69 Jahren aus der Bevölkerung rekrutiert, die in den kommenden Jahren untersucht und befragt werden. Das Besondere ist, dass wir nach der ersten Untersuchung mit den Teilnehmern in Kontakt bleiben und im Laufe der Zeit erfassen, welche Erkrankungen neu auftreten. Anhand der Daten, die wir bei der Basisuntersuchung erhoben haben, können wir erkennen, welche Faktoren das Auftreten von Erkrankungen begünstigen. Diese Form der Studie nennt man Kohortenstudie.

Welche Chancen bietet die Studie für die Forschung?
Eine Studie in dieser Größenordnung gab es in Deutschland noch nicht. Bisherige Kohortenstudien haben maximal 30.000 Teilnehmer und sind meist auf spezielle Erkrankungen bezogen. Die Nationale Kohorte ist inhaltlich breit aufgestellt: Im Mittelpunkt stehen Herz-Kreislauferkrankungen, Krebs,Diabetes, Atemwegs- und neurologische Erkrankungen und chronische Infektionen. Außerdem findet eine relativ intensive medizinische Untersuchung statt. Es kommen Interviews und Fragebögen zum Einsatz, die unter anderem den Lebensstil, psychosoziale Faktoren oder Umwelteinflüsse erfassen. Zusätzlich werden Bioproben gesammelt.
Nach fünf Jahren werden dann alle Studienteilnehmer erneut zur Untersuchung eingeladen, so dass wir die Möglichkeit haben, Veränderungen zu registrieren. Damit sind nicht nur neue Erkrankungen gemeint, sondern auch Veränderungen, von denen man noch gar nicht weiß, ob sie einen Krankheitswert haben. Später erhalten die Probanden alle zwei bis drei Jahre weitere Fragebögen per Post – manche bis ins Jahr 2042. All diese Daten sollen uns in die Lage versetzen, völlig neue Wege der Prävention, Vorhersage und Früherkennung zu finden.
Die entstehende Datenbank wird eine exzellente Basis für die Forschung in Deutschland liefern und auch international Beachtung finden.

Welchen Beitrag leistet das MDC?
Das MDC ist eines von drei Studienzentren im Cluster Berlin-Brandenburg. Gemeinsam mit der Charité und dem Deutschen Institut für Ernährungsforschung, den beiden anderen Zentren, rekrutieren wir insgesamt 30.000 Teilnehmer für die Studie.
Hier am MDC werden 10.000 Probanden untersucht, davon 2.000 tiefergehend. Zusätzlich laden wir 6.000 Studienteilnehmer aus Berlin und Brandenburg zum MRT ein. Das MDC wurde, auch aufgrund der Kompetenz und Mitarbeit von Prof. Thoralf Niendorf als Leiter der Berlin Ultrahigh Field Facility (B.U.F.F.) und Frau Prof. Jeanette Schulz-Menger als Spezialistin für kardiale MRT-Bildgebung am MDC, als eines von fünf Studienzentren bundesweit mit einem 3-Tesla-MRT-Gerat ausgerüstet.
Außerdem lagern wir auf dem Campus Buch die Bioproben aller 30.000 Probanden aus Berlin und Brandenburg.

Wie lange wird es dauern, die 10.000 Probanden zu untersuchen?
Bis 2018 soll die Phase der Erstuntersuchung abgeschlossen ein, das bedeutet ein Pensum von etwa zehn Probanden pro Tag. Im Anschluss werden wir die ersten Personen wieder zur Nachuntersuchung einladen.

Wer kann teilnehmen?
Man kann sich für die Kohorte leider nicht spontan melden, sondern muss über das Einwohnermeldeamt gezogen worden sein.

Wie profitieren die Teilnehmer von der Studie?
Wer teilnimmt, unterstützt in erster Linie die Forschung, denn unsere Untersuchungen sind nicht mit einem Screening vergleichbar. Wir stellen den Probanden einen Teil der Untersuchungsergebnisse zur Verfügung: Blutdruck, Körpergewicht, Körperfettverteilung und Blutwerte. Wenn wir auffällige Ergebnisse sehen, werden wir die Studienteilnehmer informieren und ihnen empfehlen, den Hausarzt aufzusuchen. Später wollen wir sie regelmäßig über Forschungsergebnisse informieren – per Newsletter.

Welche Rolle spielen die Daten der Nationale Kohorte für Ihre eigene Forschung?
Wir untersuchen, inwieweit Übergewicht und Adipositas das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs und Diabetes beeinflussen und welche Stoffwechselvorgänge dabei eine Rolle spielen können. Die Kohorte wird für diese Fragen ausgezeichnete Daten liefern. Bei Adipositas weiß man, dass die Fettverteilung im Körper, gerade im Bauchraum eine wichtige Rolle spielt. Während man früher einfach das Körpergewicht gemessen und den Body-Mass-Index berechnet hat, können wir das Fettgewebe in den MRT-Untersuchungen genau verorten und ausmessen. Das ist ein großer Gewinn.

Interview: Christine Minkewitz, Annett Krause
 

Weitere Informationen finden Sie hier:

www.nationale-kohorte.de
insights.mdc-berlin.de/de/2014/08/auf-den-zahn-gefuehlt-die-nationale-kohorte

 

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