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Virtuell netzwerken und dabei das Klima schonen

23.06.2020 / Mehr als 60 Prozent der Forscher*innen können sich vorstellen, seltener Konferenzen zu besuchen. Vor der Corona-Krise befragte Verena Haage vom MDC Forschende zum Reiseverhalten und ihrer Bereitschaft dieses zu ändern – der Umwelt zuliebe. Die Krise zeigt nun, wie die Zukunft der Konferenzen aussehen könnte.

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Dr. Verena Haage forschte in der MDC-Arbeitsgruppe von Professor Helmut Kettenmann an Mikrogliazellen. Foto: Felix Petermann, MDC

Wissenschaftliches Arbeiten ohne Konferenzbesuche – das ist für die meisten Forscherinnen und Forscher nicht denkbar. Wie oft reisen sie zu diesem Zweck pro Jahr, wie bewegen sie sich dabei fort, was beabsichtigen sie mit ihren Konferenzbesuchen – und wären sie bereit, aus Nachhaltigkeitsgründen etwas an ihrem Verhalten zu ändern? Diese Fragen bewegen Dr. Verena Haage, Wissenschaftlerin ehemals tätig in der Arbeitsgruppe von Helmut Kettenmann am Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in der Helmholtz-Gemeinschaft (MDC). „Nachhaltigkeit interessiert mich“, sagt die Biologin, die zukünftig an der Charité – Universitätsmedizin Berlin arbeitet. „Und ich denke, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler eine Pionier- und Vorreiterrolle innehaben und mit gutem Beispiel vorangehen sollten.“

Mehr als 60 Prozent finden alternative Konferenzformate interessant

Für ihre bei eLife publizierte Studie wertete Haage 227 Fragebögen aus. Im Schnitt nehmen die Forschenden an drei Konferenzen pro Jahr teil, wobei Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit Leitungsfunktion am häufigsten reisen und Nachwuchsforschende am seltensten. Die Wahl des jeweiligen Transportmittels ist dabei sehr unterschiedlich, je nachdem ob nationale oder internationale Tagungen besucht werden. Bei Veranstaltungen in Deutschland ist der Zug das Transportmittel Nr.1, es wurde von mehr als der Hälfte der Konferenzteilnehmenden benutzt, 13 Prozent der Befragten wählten das Flugzeug.

Bei internationalen Konferenzen wurden mehr als die Hälfte der Strecken per Flug zurückgelegt, mit dem Zug reisten 37 Prozent der Befragten, elf Prozent nahmen den Bus. Das Auto spielt bei nationalen wie internationalen Konferenzen kaum eine Rolle (unter acht bzw. vier Prozent). In der eigenen Stadt wird häufig das Fahrrad genutzt – eine*r von acht Befragten gab für nationale Konferenzen dieses besonders umweltschonende Verkehrsmittel an.

Überraschend für Haage: Mit mehr als 60 Prozent wären die meisten der Befragten bereit, die Anzahl an Konferenzreisen zu reduzieren, ungefähr genauso viele finden auch alternative Konferenzformate interessant. „Die Forschenden sind bereit dafür, es muss jedoch auch die entsprechenden Angebote geben“, sagt Haage. Das heißt zum Beispiel, es müsste möglich sein, Reisezeit als Arbeitszeit zu deklarieren. Das würde die Entscheidung erleichtern, auf den umweltschonenderen Zug umzusteigen, der länger unterwegs ist als ein Flugzeug. Institutionen könnten zudem für nationale Konferenzreisen Anfahrten per Zug oder Bus verpflichtend machen – wer fliegen will, müsste dann die Kosten selbst tragen. Auch die Konferenzformate ließen sich von vorneherein umweltschonender planen. „Institutionen könnten große Konferenzen im Hybrid-Format anbieten: Forschende treffen sich in lokalen Hubs, die zusätzlich virtuell zusammengeschaltet werden. Das ist nachhaltiger, weil kein weiter Anreiseweg zurückgelegt werden muss, man aber trotzdem im jeweiligen Hub persönlich netzwerken kann“, erläutert Haage. Solche Initiativen gibt es bislang nur selten, wie ihre Studie ergab.

Die Corona-Krise zeigt: Virtuelle Formate bieten viele Vorteile

Während der Corona-Krise hat sich die Welt der Konferenzen mit einem Schlag gewandelt: Headset statt Jetlag, Videoschalte statt Zugreise. „Ich bin begeistert und sehe diesen Wandel als einen der wenigen positiven Aspekte der Krise“, sagt Haage. Sie selbst hat bereits an einer virtuellen Konferenz teilgenommen und findet, dass dieses Format gut funktioniert. Am schwierigsten sei es, die Moderation und die Diskussion nach den Vorträgen gut hinzubekommen. „Ich sehe aber auch viele Vorteile gegenüber den gängigen Konferenzen“, betont die Forscherin. Positiv sei zum Beispiel, dass alle Vorträge aufgenommen werden, so dass man auch die Möglichkeit hat, sie sich später anzuschauen.

Spannend findet Haage außerdem, wie sich das Netzwerken verändert: „Ich glaube, dass nun die Hemmschwelle geringer ist, beispielsweise eine Koryphäe nach einem Vortrag anzuschreiben“. Der spontane Austausch ist allerdings nicht mehr möglich, man muss sich verabreden: zum Beispiel in einem Channel bei Slack, einem Instant-Messaging-Dienst. Dieses Kommunikationstool dient dazu, dass sich kleine Gruppen zu bestimmen Themen austauschen und dabei auch Links oder Texte teilen können. Haage hat über einen Slack-Kanal den Weg in eine wissenschaftliche Aktivist*innengruppe gefunden, die das Thema Nachhaltigkeit in der Wissenschaft weiter voranbringen will. „Auch so können Kollaborationen entstehen, wenn das Interesse an der gemeinsamen Arbeit da ist. Es geht auch ohne Kaffeepause“, bringt es die Forscherin auf den Punkt.

Gemeinsam mit Nature Index veröffentlicht sie nun einen Kommentar zu ihrer Studie, in dem sie zusammenfasst, was die Corona-Krise für die wissenschaftliche Konferenzkultur bedeuten könnte. „Ich würde mir wünschen, dass sie sich grundlegend und dauerhaft ändert“, sagt Haage. Dabei geht es ihr nicht darum, alle Tagungen abzuschaffen: „Wenn man beispielsweise bei einer jährlich stattfindenden Konferenz alle zwei Jahre ein virtuelles Format nutzt, wäre das nicht nur viel nachhaltiger und trotzdem effizient, sondern man spart auch eine Menge Kosten.“

Literaturangaben

Verena Haage (2020): “Research Culture: A survey of travel behaviour among scientists in Germany and the potential for change”, eLife, DOI: 10.7554/eLife.56765

Das Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in der Helmholtz-Gemeinschaft (MDC) wurde 1992 in Berlin gegründet. Es ist nach dem deutsch-amerikanischen Physiker Max Delbrück benannt, dem 1969 der Nobelpreis für Physiologie und Medizin verliehen wurde. Aufgabe des MDC ist die Erforschung molekularer Mechanismen, um die Ursachen von Krankheiten zu verstehen und sie besser zu diagnostizieren, verhüten und wirksam bekämpfen zu können. Dabei kooperiert das MDC mit der Charité – Universitätsmedizin Berlin und dem Berlin Institute of Health (BIH ) sowie mit nationalen Partnern, z.B. dem Deutschen Zentrum für Herz-Kreislauf-Forschung (DHZK), und zahlreichen internationalen Forschungseinrichtungen. Am MDC arbeiten mehr als 1.600 Beschäftigte und Gäste aus nahezu 60 Ländern; davon sind fast 1.300 in der Wissenschaft tätig. Es wird zu 90 Prozent vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und zu 10 Prozent vom Land Berlin finanziert und ist Mitglied in der Helmholtz-Gemeinschaft deutscher Forschungszentren. www.mdc-berlin.de

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