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Tumortherapie: Gezielter als je zuvor

10.06.2020 / ASC Oncology testet anhand individueller Tumor-Organoide bereits vor einer Therapie, welche Medikamente wirksam sind. Interview mit den Geschäftsführern Dr. Christian Regenbrecht und Quirin Graf Adelmann v. A.

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v.l.: Dr. Christian Regenbrecht und Quirin Graf Adelmann v. A.

Dr. Regenbrecht, nach CELLphenomics haben Sie auf dem Campus Buch ein weiteres Unternehmen gegründet: ASC Oncology. Welche Mission verfolgen Sie damit?
Dr. Regenbrecht: Wir haben im Rahmen von CELLphenomics sehr gute 3D-Zellkulturmodelle aus Tumorproben entwickelt, die der Pharmaindustrie geholfen haben, neue Krebsmedikamente auf den Markt zu bringen. Diese sogenannten Organoide erreichen eine bisher nicht erreichte Nähe zum Ursprungstumor und ermöglichen es, die Wirksamkeit von Krebsmedikamenten sehr differenziert vorherzusagen. Da die Vorhersage unserer Modelle so gut funktioniert, fühlten wir uns verpflichtet, diese Hilfe auch zurück zum Patienten zu bringen. Wir können für solide Tumore einen therapeutischen Effekt bestätigen, neue Behandlungsoptionen aufzeigen oder den Patienten zumindest unnötige Nebenwirkungen ersparen.
Graf Adelmann: ASC Oncology nutzt die gleiche Technologie wie CELLphenomics, aber ausschließlich im praktischen Kontext von Ärzten und Patienten. Letztendlich helfen wir Menschen, die für ihre jeweilige Lebenssituation bestmögliche Entscheidung treffen zu können. Möglich wurde dies durch jahrelange Forschungsarbeit und die Zusammenarbeit mit renommierten Uni-Kliniken.

Für welche Krebsarten ist dieser Test möglich?
Dr. Regenbrecht: Wir haben uns auf solide Tumore, also Karzinome oder Sarkome, spezialisiert. Im Moment bieten wir die prä-therapeutische Chemosensitivitätstestung für Patienten mit Dickdarmkrebs, Bauchspeicheldrüsenkrebs, bestimmte Arten von Lungenkrebs sowie triple-negativem Brustkrebs an. Meist sind es hochfortgeschrittene Tumore, die wir analysieren.

Ihre Methode nennen Sie „Reverse Clinical Engineering“. Wie funktioniert sie?
Dr. Regenbrecht: Aus frischem, chirurgisch gewonnenem Tumormaterial oder frischen Biopsien von Patienten züchten wir Abbilder des Tumors in Form winziger Organoide. Anhand dieser dreidimensionalen Minitumore können wir eine Aussage treffen, aus welchen verschiedenen Zelltypen der individuelle Tumor zusammengesetzt ist. Wir sind zum Beispiel darauf gestoßen, dass die Zellen innerhalb des gleichen Tumors unterschiedlich stark auf eine Chemotherapie reagieren, sodass nur ein Teil der Tumorzellen effektiv mit einer vertretbaren Dosierung eines Medikaments getötet werden kann. Das bedeutet in der Praxis, dass die Tumorbehandlung mit diesem Chemotherapeutikum zwar klinisch eine Reduktion des Tumorvolumens bewirkt, aber nur Teile der Tumor- oder Zellpopulation angegriffen werden und sich kein langfristiger Behandlungserfolg einstellt. Wir versuchen, den Gesamttumor anhand seiner verschiedenen Zelltypen modellmäßig abzubilden. Das tun wir, indem wir die Tumorgene sequenzieren, an den Organoiden Substanzen testen und zusammen mit unserem Berliner Partner NMI-TT ein sogenanntes Targeted Proteomics-Profil erstellen. Diese Targeted Proteomics zeigen uns dann wiederum ganz konkret auf funktioneller Ebene, warum ein bestimmtes Medikament wirken konnte und ein anderes nicht. Diese drei Informationen integrieren wir in einen Bericht und diskutieren unsere Ergebnisse mit den Onkologen und den behandelnden Ärzten in den Tumorkonferenzen, damit der Patient die bestmögliche Chemotherapie oder die bestmögliche substanzbasierte Therapie erhält.

Wenn zum Beispiel Darmkrebs Metastasen in der Lunge gebildet hat: Ist das dann noch derselbe Krebs, den ich so behandeln kann?
Dr. Regenbrecht: Die Frage lautet tatsächlich: Kann eine Krebszelle eine Metastase an jedem beliebigen Ort bilden oder unterscheidet sich die Metastase von der großen Menge der Tumorzellen im Primärtumor? Genau das ist es, was wir uns mit Reverse Clinical Engineering ansehen. Wir versuchen die Tumor-Evolution – also das Entstehen des Tumors im Körper – nachzuvollziehen und im Nachhinein das Mosaik zusammenzusetzen.

Welche Therapeutika können Sie testen?
Dr. Regenbrecht: Wir können alle Stoffklassen testen, von der klassischen Chemotherapie, die nur die Zellteilung verhindert, über Targeted Therapies (zielgerichtete Therapien, die in Tumor-Signalwege eingreifen) bis hin zu antiköperbasierten Therapien. Auch Immuntherapeutika können wir testen, indem wir Modelle entwickeln, die aus dem Tumorgewebe und Immunzellen des Patienten bestehen. Um der Heterogenität, die innerhalb eines Tumors herrscht, wirksam zu begegnen, testen wir auch verschiedene Substanzkombinationen. Ein ganz entscheidender Vorteil: Während der Arzt letztendlich nur einmal die Chance hat, den Patienten richtig zu behandeln, führen wir für jeden Patienten bis zu 384 Testungen parallel durch. So können wir uns im Prinzip auch Fehler leisten, ohne dem Patienten zu schaden – Fehler, die in der Praxis nicht vorkommen dürfen. Wir sind lediglich durch die Wachstumsgeschwindigkeit der Organoide und das Zeitfenster bis zum Behandlungsbeginn eingeschränkt.

Wie lange dauert es, bis die Testergebnisse vorliegen?
Dr. Regenbrecht: Erste Ergebnisse liegen nach etwa zwei Wochen vor. In der Regel benötigen wir zwischen vier und sechs Wochen für die Testung aller für den individuellen Tumor in Frage kommenden Therapieansätze. Das liegt zum einen an der Wachstumsgeschwindigkeit der Zellen im Labor, zum anderen daran, dass die Ergebnisse der Tumorsequenzierung in der Klinik einige Wochen brauchen, bis sie vorliegen. Wir konnten aber auch schon Ergebnisse innerhalb von neun Tagen liefern.

Wie treffsicher sind die Ergebnisse Ihrer Tests?
Dr. Regenbrecht: Modelle sind immer nur bis zu einer bestimmten Schärfe gut. Es gibt aber Studien mit unseren Protokollen, die bei über 100 Dickdarmpatienten gezeigt haben, dass der negative prädiktive Wert, also die Vorhersage der unwirksamen Therapien, bei bis zu 100 Prozent liegt. Der positive prädiktive Wert liegt derzeit schon bei bis zu 88 Prozent.

Können Sie die Daten von ASC auch für Ihre Forschung nutzen und umgekehrt?
Dr. Regenbrecht: Ja, das ist unser großer Vorteil. Dadurch können wir die klinischen Daten in unsere Forschungsarbeit integrieren. Aktuell haben wir bei CELLphenomics auf dieser Basis einen Biomarker identifiziert, der die Reaktion auf eine bestimmte Substanzklasse vorhersagt. Wir haben eine genetische Prädisposition, ein Mutationsmuster, gefunden. Wenn es vorliegt, kann eine bestimmte Wirkstoffklasse, die heute regelmäßig verschrieben wird, nicht wirken. Die Daten verdanken wir den 3D-Organoid-Studien, in denen wir umfangreiche Tests durchführen konnten. Ich darf aber im Moment weder den Substanznamen noch die Substanzklasse verraten, da die Patentanmeldung zur Zeit geprüft wird.

Gibt es konkurrierende Unternehmen?
Dr. Regenbrecht: Wir sind weltweit ganz vorne dabei. In Deutschland haben wir keine Konkurrenz. In den USA gibt es weniger als fünf Unternehmen, die technologisch ähnlich weit sind wie wir. Aus Utrecht in den Niederlanden ist die Gruppe um Hans Clevers bekannt, der mit seinem HUB-Institut bei der Organoid-Forschung international einer der führenden Köpfe ist. Ansonsten stellen wir fest, dass immer mehr Unikliniken Organoide selbst herstellen wollen, aber dennoch zu uns kommen, weil wir auf diesem Gebiet so fortgeschritten sind, dass die Qualität unserer Arbeit außerordentlich gut ist. Im experimentellen Kontext ist die Methode an den Unikliniken gut und sicher etabliert, aber bei der Patientenvorhersage kommt man meines Erachtens nicht umhin, eine spezialisierte Firma zu nutzen.
Graf Adelmann: Organoide müssen kontrolliert entstehen und erfolgreich wachsen können, denn Patienten erwarten ihr Ergebnis in kürzester Zeit. Das ist ganz klar das ausschlaggebende Kriterium, um ein spezialisiertes und leistungsfähiges Unternehmen zu beauftragen. Bei ASC wird sichergestellt, dass die Ergebnisse schnell und zuverlässig vorliegen.

Wie sieht es mit der Bezahlung Ihres Tests aus?
Graf Adelmann: Die Dienstleistung, die wir erbringen, ist immer noch eine IGeL-Leistung, die der Patient selbst bezahlen muss. Mittlerweile ist jedoch die ärztliche Probenentnahme für unsere Zwecke und die Auswertung eine abrechenbare Ziffer bei den Krankenkassen. In der Regel liegen die Kosten bei rund 5.000 Euro.

Man muss zur Abgrenzung damit rechnen, dass eine erfolglose Chemotherapie die Krankenkasse mit Kosten von mehr als 100.000 Euro belastet und Patienten kaum mehrere Behandlungen körperlich und seelisch überstehen. Denkbar ist auch, dass Krankenkassen unsere Leistung über Kliniken mit integrierten Versorgungsverträgen übernehmen.

Wir denken im Rahmen unserer Unternehmenswerte gleichzeitig an notleidende Menschen, bei denen Krebs diagnostiziert wurde: Auch, um weniger gut betuchten Patienten den Test zu ermöglichen, haben wir den Verein „Cancer Rebels e.V.“ gegründet.

Wo sehen Sie ihr Unternehmen in fünf Jahren?
Dr. Regenbrecht: Wir forschen weiterhin intensiv, um die Aussagekraft der Modelle noch weiter zu verbessern und auch seltene Tumore besser abdecken können. Ich sehe uns in fünf Jahren noch breiter aufgestellt und denke, dass wir auf dem Weg dorthin bereits sehr vielen Menschen unnötiges Leid erspart haben werden.
Graf Adelmann: Wenn wir stark wachsen, kann es sein, dass wir Labore außerhalb Berlins haben werden und uns in Ländern in Europa, Asien oder in den USA etablieren, die innovativer sind und über andere Gesundheitssysteme und Krankenkassenstrukturen verfügen. Wir sind beispielsweise eine österreich-exklusive Kooperation mit dem Uniklinikum Innsbruck eingegangen: Von allen österreichischen Krebspatienten, für die unsere Methode geeignet ist und die in Innsbruck behandelt werden, bekommen wir zukünftig eine Tumorprobe zur Substanztestung. Die Kosten für den Patienten übernimmt im Rahmen der Studie das Klinikum.

www.asc-oncology.com
www.cancer-rebels.club

Betroffene wenden sich bitte direkt an: clm@asc-oncology.com

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