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Präeklampsie im Fokus

08.01.2020 / Präeklampsie ist eine gefährliche Bluthochdruck-Erkrankung in der Schwangerschaft – mit hohem Risiko für Mutter und Kind. Am ECRC forschen Prof. Dr. med. Ralf Dechend und PD Dr. Florian Herse an Ursachen und Therapien. buchinside sprach mit ihnen über Herausforderungen, Erfolge und den Weg zu neuen Formen der Behandlung.

praaeklampsie

Prof. Dr. med. Ralf Dechend und PD Dr. Forian Herse

Herr Prof. Dechend, was kennzeichnet die Präeklampsie?

Es ist eine schwere Komplikation in der Schwangerschaft und eine der Haupttodesursachen für Mutter und Kind. Betroffen ist etwa jede 20. Schwangerschaft. Hauptsymptome sind Bluthochdruck und Eiweiß im Urin. Zugrunde liegt eine Störung in der Plazenta, deren Ursachen weitgehend ungeklärt sind. Problematisch ist, dass die Therapie seit 60 Jahren unverändert ist: Wir geben Bluthochdrucktabletten, können aber die Erkrankung damit nur bedingt modulieren. Werden die Symptome für die Mutter zu bedrohlich, gibt es nur die Möglichkeit, die Geburt frühzeitig einzuleiten.

Als Mediziner erleben Sie diese Problematik hautnah.

Prof. Dechend: An drei Tagen der Woche betreue ich am Helios Klinikum Berlin-Buch Risikoschwangere bis zur Entbindung – in Kooperation mit den Gynäkologen und Geburtshelfern. Ich erlebe fast jeden Monat, dass eine von Präeklampsie betroffene Frau in der 25. oder 26. Woche entbinden muss. Ihr Kind wiegt dann zwischen 500 bis 900 Gramm und ist nur durch die Maximalversorgung der neonatalen Intensivstation überlebensfähig.

Neben den hohen Risiken, die frühgeborene Kinder generell betreffen, hat Präeklampsie mögliche weitere Folgen.

Prof. Dechend: Frauen, die Präeklampsie entwickeln, und Kinder aus präeklamptischen Schwangerschaften haben im späteren Leben ein erhöhtes Risiko für koronare Herzerkrankungen, Schlaganfall und Herz-Kreislauferkrankungen. – All diese Aspekte der Erkrankung – die akute Präeklampsie, deren Ursachen, Möglichkeiten der Diagnostik und Vorhersage sowie ihre Spätfolgen sind seit mehr als 15 Jahren Gegenstand unserer Forschung am Experimental and Clinical Research Center (ECRC), einer gemeinsamen Einrichtung der Charité – Universitätsmedizin Berlin und des Max-Delbrück-Centrums für Molekulare Medizin (MDC).

Welchen Ansatz hat Ihre Arbeitsgruppe?

PD Dr. Herse: Die Präeklampsie ist sehr komplex. Es wird nicht die eine Ursache dafür geben. Wir betrachten die Erkrankung über die Verbindung der vaskulär-immunologischen Problematik und untersuchen Faktoren, die die Entwicklung der Plazenta beeinflussen und an Epigenetik, Stoffwechsel, Immun- und Gefäßsystem beteiligt sind. Ein Vorteil dabei ist die Zusammensetzung unserer Arbeitsgruppe. Das, was sich das ECRC hier als gemeinsame Einrichtung von Charité und MDC auf die Fahnen schreibt, ist in unserer Arbeitsgruppe Eins-zu-eins umgesetzt. Wir sind Mediziner und Naturwissenschaftler, die Hypothesen gemeinsam entwickeln und verfolgen, um die Präeklampsie besser zu verstehen. Ein großer Vorteil des ECRC ist es, dass wir die neuesten Technologien am MDC nutzen können, um unsere Fragen zu beantworten. In klinischen Studien, Probandenstudien mit schwangeren Frauen, untersuchen wir derzeit physiologische Parameter und identifizieren neue Biomarker während und nach der Präeklampsie um das kardiovaskuläre Risiko erklären zu können. Zusammen mit Biotech-Firmen testen wir auch neue therapeutische Ziele im Tiermodell.

Prof. Dechend: Omics-Technologien oder das Single-Cell-Sequencing, die wir erfolgreich nutzen, sind ein Schlüssel dafür zu verstehen, was auf molekularer, zellulärer Ebene in der Plazenta fehlgeschlagen ist.

PD Dr. Herse: Wichtig für uns ist das Zusammenspiel aller Disziplinen. So ist es bedeutend, zum Beispiel auch die Bioinformatiker am Berliner Institut für Medizinische Systembiologie (BIMSB) des MDC oder des Berliner Instituts für Gesundheitsforschung, die mit neuesten Analysemethoden arbeiten, mit ins Boot zu holen und für das Krankheitsbild Präeklampsie zu begeistern.

Die Deutsche Hochdruckliga hat die Erkenntnisse Ihrer Arbeitsgruppe 2018 für wegweisend erklärt. Welche Erfolge haben Sie erzielt?

Prof. Dechend: Wir konnten ein Enzym identifizieren, dass bei betroffenen Frauen verstärkt auftritt und offenbar
zur Präeklampsie beiträgt. Das Enzym, CYP2J2 genannt, ist an der Herstellung von Stoffwechselprodukten beteiligt, die unter anderem Entzündungsprozesse und Blutdruck regulieren.

Wodurch wird dieses Enzym aktiviert?

PD Dr. Herse: Als mögliche Ursache konnten wir eine Störung des Immunsystems beschreiben. Ein Rezeptorprotein, CD74, das in der Plazenta an der Oberfläche von Makrophagen präsentiert wird, ist bei betroffenen Frauen vermindert. Hierdurch resultiert eine gestörte Interaktion zwischen den Makrophagen und dem Hauptzelltyp der Plazenta, den Trophoblasten, und es entsteht eine Ausschüttung von entzündungsfördernden Botenstoffen. In der Folge kann es zu einer gestörten Gefäßumwandlung kommen, so dass sich die Blutversorgung der Plazenta und damit die Versorgung des Embryos verschlechtert. Daraus resultiert eine erhöhte Expression des CYP2J2 und damit eine vermehrte Produktion seiner Metabolite.

Wie könnte man diese Erkenntnis nutzen?

PD Dr. Herse: In einem Folgeprojekt wollen wir einen Biomarker für Präeklampsie identifizieren. Dafür haben wir eine Anschubfinanzierung vom MDC-Programm „BOOST“ erhalten. Durch eine Kooperation mit der Universität Odense, Dänemark, haben wir Zugang zu einer größeren Schwangerschaftskohorte, die wir mit Unterstützung des Campus-Unternehmens Lipidomix GmbH analysieren. Für die Validierung des Biomarkers haben wir in Zusammenarbeit mit dem Netzwerk NetPhaSol und dem Berliner Unternehmen InnoRa GmbH eine Förderung des „Zentralen Innovationsprogramms Mittelstand“ bekommen.

Welche weiteren Ergebnisse wären zu nennen?

Prof. Dechend: Ein weiterer Erfolg resultiert aus einer Studie, bei der wir zeigen konnten, dass epigenetisch angeschaltete Gene eine entscheidende Rolle spielen und zur Präeklampsie beitragen. Unter anderem haben wir das DLX5-Gen als bedeutsamen Transkriptionsfaktor identifiziert.

Sind Therapien für Präeklampsie in Sicht?

Prof. Dechend: Aufgrund unserer Ideen sind Biotech-Firmen wie Alnylam und Ferring auf uns aufmerksam geworden, deren therapeutische Ansätze wir bereits in der Konzeptplanung und mit unseren Möglichkeiten bei der Präklinik unterstützen. Es ist eine immense Herausforderung, Substanzen zu finden, die nur im mütterlichen System wirken und die Plazentabarriere nicht durchbrechen. Man muss sicherstellen, dass es dem Kind nicht schadet – und auch langfristig keine Schäden zu befürchten sind.

Wie geht es perspektivisch mit Ihrer Forschung weiter?

PD Dr. Herse: Seit einiger Zeit sind wir dabei, hier in der Clinical Research Unit am ECRC eine große Schwangerschaftskohorte aufzubauen. Wir laden schwangere Frauen am Anfang, in der Mitte und am Ende der Schwangerschaft ein, um immunologische Faktoren zu erfassen und kardiovaskuläre Analysen vorzunehmen. Zwei Jahre nach der Schwangerschaft laden wir sie erneut ein, um das kardiovaskuläre Risiko nach einer präeklamptischen Schwangerschaft zu charakterisieren. Wir wollen circa 1.700 Frauen einschließen. Die Kohorte wird uns ebenfalls ermöglichen, weitere Schwangerschaftskomplikationen wie Diabetes oder Frühgeburtlichkeit zu untersuchen.
Ein neues Projekt unserer Arbeitsgruppe betrifft Komplikationen in der Schwangerschaft nach Fremd-Eizellspende. Jegliche Form der Reprodutionshilfe erhöht das Präeklampsierisiko, und eine fremde Eizelle bedeutet ein sehr hohes Risiko. Zu diesem Thema gilt es, noch viele Erkenntnisse zu sammeln.

Text und Foto: Christine Minkewitz / Campus Berlin-Buch GmbH

Der Beitrag erschien zuerst im Standortjournal buchinside.

Quelle: Campus Berlin-Buch GmbH

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