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World Health Summit: Wie Mikrobiomforschung die Medizin verändert

24.10.2019 / Der menschliche Körper beherbergt unzählige Ökosysteme. Lebensumstände und Gewohnheiten prägen diese mikrobielle Artenvielfalt, die Mikroben wiederum prägen unser Wohlbefinden. Auf dem World Health Summit skizzieren internationale Mikrobiomforschende, was ihre Erkenntnisse zur Medizin der Zukunft und zu einer präventiven Gesundheitspolitik beitragen können.

Mehr Fertigprodukte, mehr Zucker, mehr Fett: Wo sich ein westlicher Lebensstil durchsetzt, sind auch mehr Menschen von Stoffwechsel- und Entzündungskrankheiten betroffen. „Das sehen wir zum Beispiel in Indien und im Nahen Osten, aber auch in der zweiten Einwanderergeneration in Großbritannien“, sagt MDC-Forscherin Dr. Sofia Forslund, die beim World Health Summit am 27. Oktober den Workshop „How Microbial Research is Changing Medicine“ leitet. „Eine veränderte Zusammensetzung der Mikroorgansimen im Darm beeinflusst diese Erkrankungen. Es gibt immer mehr Hinweise darauf, dass eine traditionelle Ernährung mit Probiotika oder Ballaststoffen davor schützen könnte. Diese Traditionen laufen aber Gefahr, verloren zu gehen – mit verheerenden Folgen.“ Dies sei nur ein Beispiel dafür, warum wir menschliche Mikrobiota besser verstehen und die Forschungsergebnisse in die Medizin und präventive Gesundheitspolitik in Ost und West, Nord und Süd übertragen sollten, sagt sie.

Alle Schleimhäute – unter anderem im Darm, im Mund, den Atemwegen und im Urogenitaltrakt – beherbergen komplexe mikrobielle Ökosysteme. Diese Mikrobiome unterscheiden sich von Mensch zu Mensch, bleiben aber im Laufe eines Lebens recht stabil. Sie entstehen früh und spielen eine entscheidende Rolle dabei, wie Menschen Nährstoffe verarbeiten, vor Krankheitserregern geschützt sind und wie sich das Immunsystem entwickelt. Die Evolution lehrte den Menschen und Mikrobiota sich gegenseitig zu beeinflussen, unter anderem über Signalwege des Immunsystems und der Metaboliten. Ernährungsweisen, Stress, Antibiotika-Behandlungen, Infektionen und andere Faktoren können diese Ökosysteme jedoch stören. Aus einem ausgewogenen Ökosystem wird dann eines, das Schaden anrichtet (Dysbiose). Die Dysbiose trägt zum Beispiel zu Stoffwechsel-, Nieren-, Autoimmun- und psychiatrischen Erkrankungen bei. 

Spitzenforschung zum Mikrobiom
Der Workshop bringt die besten Mikrobiomforscherinnen und -forscher zusammen. „Wir sind sehr gespannt, wie politische Entscheidungsträgerinnen und -träger aus aller Welt auf unsere Ergebnissen reagieren und freuen uns auf ihre Sichtweise“, sagt Forslund. Die Forscherinnen und Forscher sind überzeugt, dass die Analyse des Mikrobioms helfen kann, Krankheiten zu diagnostizieren und ihren Verlauf vorherzusagen, Ernährung und Therapie auf den Einzelnen abzustimmen und Werkzeuge für epidemiologisches Monitoring und für die Risikobewertung zu entwickeln.

Zu den Höhepunkten gehört ein Vortrag von Dr. Stanley Hazen, einem Kardiologen an der Cleveland Clinic in den USA. Er untersucht, inwiefern der Genuss von Fleisch Herzerkrankungen verursacht. Denn anscheinend schädigen einige Metabolite, die Mikroben aus Fleisch produzieren, das Gefäßsystem. Professor Eran Elinav vom Weizmann-Institut in Israel hingegen kann vorhersagen, wie der Blutzuckerspiegel von Menschen mit unterschiedlicher Darmflora sich nach dem Verzehr von ein und denselben Lebensmittel verändert. Außerdem vertritt er die provokative These, dass bestimmte Probiotika das Darm-Mikrobiom nach einer Antibiotika-Therapie zusätzlich schädigen. Und Dr. Stephan Roßhart ist überzeugt davon, dass die sterilen Bedingungen bei Tierversuchen die Ergebnisse biomedizinischer Forschung verzerren können. Deshalb züchtet er Mäuse, die mit realistischen Mikrobiomen ausgestattet sind.

Die Diskussionen werden während eines eintägigen Symposiums am Montag, den 28. Oktober, im MDC Berlin-Mitte (BIMSB) fortgesetzt. Diese Veranstaltung wird vom World Health Summit und dem Sonderforschungsbereich 1365 Renoprotection der Deutschen Forschungsgemeinschaft unterstützt. „Das Symposium geht eher in die wissenschaftlichen Details. Wir hoffen, dass dadurch neue Kooperationen zwischen Charité, MDC und führenden Expertinnen und Experten entstehen“, sagt Forslund.

Sprecherinnen und Sprecher
Professor Peer Bork, EMBL |Bioinformatik | Deutschland: „The human gut microbiome in health and disease“

Professor Eran Elinav, Weizmann Institute of Science | Abteilung für Immunologie | AG Elinav | Israel: „Probiotics and the mucosal microbiota“ (vorläufiger Titel)

Dr. Stanley Hazen, Cleveland Clinic | Abteilung für kardiovaskuläre und metabolische Erkrankungen | USA:  „Gut microbes and cardiometabolic disease“

Dr. Maayan Levy, Universität von Pennsylvania | Abteilung für Mikrobiologie | AG Levy | USA: „Identifying new players at the host-microbiome interface“

Dr. med. Stephan Roßhart, Universitätsklinikum Freiburg | Translationale Mikrobiomforschung und  Gnotobiotische Maus-Einrichtung | Deutschland: „Born to be wild, the common link among mammals“

Dr. Julie Segré, National Human Genome Research Institute | Translational and Functional Genomics Branch | USA: „Human Skin Microbiome: bacteria, fungi, viruses“

Workshop während des World Health Summit
27. Oktober 2019, 16:00 - 17:30 Uhr

Geleitet von Professor Peer Bork, EMBL und Dr. Sofia Forslund, MDC
KOSMOS-Konferenzzentrum, Saal Oceania, Karl-Marx-Allee 131a, 10243 Berlin

Wissenschaftliches Symposium am MDC
28. Oktober 2019, 10:00 – 16:00 Uhr

MDC Berlin-Mitte (BIMSB), großer Konferenzraum, Hannoversche Str. 28, 10115 Berlin

Weiterführende Informationen
World Health Summit WS 06: How Microbiomedical Research is Changing Medicine

Wissenschaftliches Symposium am MDC Berlin-Mitte

Das MDC bei der Berlin Science Week: Kochen für das Mikrobiom

Das Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC) Das Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in der Helmholtz-Gemeinschaft (MDC) wurde 1992 in Berlin gegründet. Es ist nach dem deutsch-amerikanischen Physiker Max Delbrück benannt, dem 1969 der Nobelpreis für Physiologie und Medizin verliehen wurde. Aufgabe des MDC ist die Erforschung molekularer Mechanismen, um die Ursachen von Krankheiten zu verstehen und sie besser zu diagnostizieren, verhüten und wirksam bekämpfen zu können. Dabei kooperiert das MDC mit der Charité – Universitätsmedizin Berlin und dem Berlin Institute of Health (BIH) sowie mit nationalen Partnern, z.B. dem Deutschen Zentrum für Herz-Kreislauf-Forschung (DHZK), und zahlreichen internationalen Forschungseinrichtungen. Am MDC arbeiten mehr als 1.600 Beschäftigte und Gäste aus nahezu 60 Ländern; davon sind fast 1.300 in der Wissenschaft tätig. Es wird zu 90 Prozent vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und zu 10 Prozent vom Land Berlin finanziert und ist Mitglied in der Helmholtz-Gemeinschaft deutscher Forschungszentren. www.mdc-berlin.de 

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