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EPO Berlin-Buch GmbH - 20 Jahre am Puls der Krebsforschung

23.08.2017 / Interview mit Dr. Jens Hoffmann, Geschäftsführer der Experimentellen Pharmakologie & Onkologie Berlin-Buch GmbH (EPO)

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Bei der Festveranstaltung: (v.l.n.r.) Prof. Ulrich Keilholz, Dr. Christian Regenbrecht, Dr. Jens Hoffmann, Dr. Iduna Fichtner und Prof. Wolfgang Walther (Foto: Rainer Zeisig/EPO)

Dr. Hoffmann, Ihr Unternehmen, die EPO Berlin-Buch GmbH, ist ein Spin-off des Max-Delbrück-Centrums für Molekulare Medizin und feierte kürzlich sein 20-jähriges Jubiläum. Was zeichnet EPO aus?
Unser Unternehmen bietet einen komplexen Service für die Entwicklung neuer Antitumorsubstanzen und neuer Therapiekonzepte. Mit individuellen Tumormodellen unterstützen wir die Grundlagen- und die angewandte Forschung. Unsere Modelle setzen wir ein, um neue Zielmoleküle zu identifizieren, Substanzen zu testen oder spezifische pharmakologische Studien durchzuführen. Wir prüfen die Wirksamkeit und Pharmakokinetik von Wirkstoffkandidaten sowie deren Verträglichkeit und klären die Wirkmechanismen auf. Mit patientenspezifischen Tumormodellen sind wir auch in der Lage, Empfehlungen für eine individualisierte Krebstherapie abzuleiten. Als forschendes Unternehmen beteiligen wir uns an EU-weiten Forschungsverbundprojekten zur molekularen Tumortherapie.

Welchen Kundenkreis haben Sie?
Wir arbeiten für etwa 150 Kunden weltweit, darunter Pharma- und Biotechnologieunternehmen, Kliniken und Forschungseinrichtungen. Hauptsächlich sind unsere Kunden in Europa; ein signifikanter Teil der Aufträge kommt auch aus den USA und Japan.

Wie hat sich das Geschäftsmodell von EPO entwickelt?
Als EPO gegründet wurde, waren die meisten neuen Krebsmedikamente noch klassische Chemotherapeutika, also zytotoxische Substanzen. Diese wurden in drei bis vier Tumormodellen geprüft und erwiesen sich dort zumeist als wirksam. In den klinischen Studien folgte dann oft die große Enttäuschung, weil sie nicht besser als bereits existierende Therapien oder zu toxisch waren.

Mit der Etablierung des Fachgebiets Molekulare Biologie und der Genforschung folgte jedoch in den letzten zehn Jahren ein gravierender Umbruch in der onkologischen Forschung: Es wurde möglich, Tumore komplett zu sequenzieren, die Mutationen zu identifizieren und zielgerichtete Arzneimittel zu entwickeln. Letztere sind oft auf kleinere Subgruppen von Tumoren beziehungsweise von Patienten gerichtet. Dieser Entwicklung mussten wir auch bei EPO Rechnung tragen. Anfangs hatten wir etwa dreißig Tumormodelle zur Verfügung, heute haben wir über 500. So viele Modelle zu etablieren ist zeitaufwändig und kostet viele Ressourcen. Denn diese Modelle mussten wir umfassend genomisch und pharmakologisch charakterisieren. Früher hat man zum Beispiel an Kolon-Tumormodellen wahllos alle potenziellen Arzneimittel getestet – ohne zu wissen, welche genetischen Profile sie haben. Momentan haben wir 200 Kolontumore, die in unterschiedliche genetische Subgruppen unterteilt sind, für die entsprechend angepasst Medikamente entwickelt und bei uns getestet werden.

Wir nutzen die Modelle heute auch für die Validierung neuer Zielstrukturen, sogenannte Targets. Mit modernen genomischen Technologien können wir diese Strukturen in unseren Modellen ausschalten und die funktionelle Bedeutung erkennen.

Welche neuen Technologien haben Sie im Laufe der Jahre etabliert?
Seit ein paar Jahren bieten wir die Bildgebung von Tumoren an, auch Imaging genannt. So können wir das Tumorwachstum in Organen verfolgen, ohne operativ in den Organismus eingreifen zu müssen. Dafür haben wir Geräte für die optische Biolumineszenz und für Ultraschall angeschafft. Wir haben auch eine eigene Tumorpathologie etabliert, so dass wir feststellen können, welche Veränderungen die Behandlung beim Tumor verursacht hat. Geht der Tumor wirklich zugrunde oder gibt es kleine Gruppen von Zellen, die doch überlebt haben? Im Gegensatz zur Pathologie beim Menschen wissen wir genau, wie der Tumor vor der Behandlung ausgesehen hat. Wir können ihn auch wiederholt sequenzieren, um zu sehen, ob sich beispielsweise durch die Therapie etwas verändert. Wir können die Genexpression verfolgen oder epigenetische Analysen durchführen. Das ist sehr umfangreich. Weil genomische Technologien essenziell für unsere Dienstleistungen sind, verfügen wir seit 2013 über ein eigenes Next-Generation-Sequencing-Gerät.

Ein wichtiger Entwicklungsschritt von EPO geht derzeit in Richtung Immuntherapie, die in den letzten Jahren stark im Fokus steht. Man weiß, dass die Tumore Mechanismen entwickeln, um dem Immunsystem zu entkommen. Diese Abwehrstrategien kann man blockieren, so dass die Tumorzellen wieder vom Immunsystem erkannt und teilweise eliminiert werden. Bei 10 bis 20 Prozent der Patienten erzielt die Immuntherapie hervorragende Ergebnisse. Um Therapeutika, die Immunzellen gegen den Tumor aktivieren, in präklinischen Studien testen zu können, arbeiten wir derzeit intensiv daran, Tumormodelle mit einem humanen Immunsystem auszustatten. Die bisherigen Modelle sind immundefizient, um eine Abstoßung des Tumors zu verhindern.

Um für die Zukunft gerüstet zu sein, haben wir über die Neugründung der cpo – cellular phenomics & oncology GmbH auch 3D-Zellkulturen in unser Portfolio implementiert, korrespondierend zu unseren Tumormodellen. Diese 3D-Zellkulturen simulieren den komplexen Aufbau eines Tumors so gut, dass sie einem in vivo-Modell fast ebenbürtig sind. In den kommenden Jahren wollen wir neue Modelle entwickeln, die zum Beispiel Blutgefäßvorläuferzellen oder Immunzellen beinhalten und noch differenziertere Aussagen erlauben.

Mit welchen Einrichtungen und Unternehmen kooperiert EPO hier auf dem Campus?
Seit EPO 1997 aus dem Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC) ausgegründet wurde, ist es ein wichtiger Kooperationspartner des MDC, aber auch des Leibniz-Forschungsinstituts für Molekulare Pharmakologie (FMP). Aktuell arbeiten wir mit Forschungsgruppen von MDC, der Charité und vom FMP sowie mehreren Campusfirmen zusammen.

Vor welchen Herausforderungen steht Ihr Unternehmen?
Die Technologien für molekulare Analysen sind sehr teuer, aber wir müssen unsere Modelle in diese Richtung charakterisieren. Dies aus eigener Kraft zu realisieren, ist eine der Herausforderungen. Durch den globalen Wandel in der Krebsforschung gibt es mittlerweile auch ernstzunehmende Konkurrenz in China und in den USA, mit der wir uns auseinandersetzen müssen. Wir versuchen, uns durch Qualität und durch Spezialisierungen abzuheben, indem wir nicht nur Standardtechnologien anbieten, sondern hochentwickelte, komplexe Modelle in Verbindung mit Imaging und der humanisierten Tumormodell-Technologie.

EPO ist bekannt ist als familien- und mitarbeiterfreundlich. Woran machen Sie das fest?
Wir haben einen hohen Frauenanteil und sehr viele junge Mitarbeiterinnen. Im letzten Jahr konnten wir fünf Babys begrüßen, und es ist nicht einfach, wenn zeitgleich mehrere Mitarbeiterinnen im Babyjahr sind, zumal ihre Arbeitsplätze hoch spezialisiert sind. Die Schwangeren müssen zudem bei uns sofort mit der Laborarbeit aufhören, weil dies für sie strikt verboten ist. Umso mehr freuen wir uns auf ihre Rückkehr, auch in Teilzeit oder mit flexiblen Arbeitszeiten.

Welchen Stellenwert hat Betriebliche Gesundheitsförderung für Ihr Unternehmen?
Das ist uns auf jeden Fall extrem wichtig. Unsere Mitarbeiter verfügen über ein GesundheitsTicket und können dank des campuseigenen Fitnessstudios direkt vor Ort Sport treiben und Entspannung finden. Ich denke, dass CampusVital – unser betriebliches Gesundheitsmanagement auf dem Campus – dazu beiträgt, dass unsere Beschäftigten gerne zur Arbeit kommen.

Wo sehen Sie EPO in zehn Jahren?
Ich würde mir wünschen, dass wir auf dem Campus weiterhin organisch und gut wachsen, so, wie es als Servicedienstleister möglich ist. Das würde bedeuten, dass wir unser methodisches Spektrum noch erweitern und die Zahl unserer Beschäftigten vielleicht von 50 auf 100 anwächst.
Wir würden uns freuen, wenn sich hier auf dem Campus und auch in Berlin noch mehr Pharmafirmen ansiedeln würden, die onkologische Medikamente entwickeln und unsere Servicedienstleistungen nutzen.

Interview: Christine Minkewitz

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