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Neue Wege der Forschung

07.10.2016 / Interview mit Prof. Dr. Martin Lohse, Vorsitzender des Vorstands und Wissenschaftlicher Vorstand des Max-Delbrück-Centrums für Molekulare Medizin in der Helmholtz-Gemeinschaft

Lohse

Prof. Dr. Martin Lohse

Herr Prof. Lohse, welches waren Ihre ersten Eindrücke vom MDC und vom Campus in Ihrer neuen Funktion?
Ich habe mich darüber gefreut, wie offen ich hier aufgenommen wurde, wie viele Vorschläge und Initiativen es gegeben hat, die an mich herangetragen wurden. Das MDC, aber auch andere Einrichtungen des Campus haben es sehr positiv aufgenommen, dass jemand Neues kommt und Lust hat, mit den verschiedenen Akteuren hier gemeinsam Dinge in Angriff zu nehmen.

Werden Sie am MDC weiterhin wissenschaftlich tätig sein?
Ich will das so weit wie möglich zu erhalten versuchen. Ich bin Wissenschaftler aus Überzeugung und es ist mir wichtig, dass mich die Arbeitsgruppenleiter und auch die anderen, die am MDC arbeiten, als Wissenschaftler verstehen. Es ist wichtig, dass wir eine Sprache sprechen und die Anliegen, die wir haben, gemeinsam als Wissenschaftler diskutieren. Ich denke, nur so kann man dieses Zentrum glaubwürdig führen.

Mit welchen Forschungsthemen soll sich das MDC künftig profilieren?
Wir haben mit den Arbeitsgruppenleitern des MDC einen Diskussionsprozess begonnen, um künftige Forschungsthemen zu definieren und zu überlegen, welche neuen Technologien aufgebaut werden sollen. Als wesentlicher Schwerpunkt ist festzuhalten, dass wir uns vor allem organübergreifenden Erkrankungen widmen wollen, also Erkrankungen, die man nur dann verstehen und behandeln kann, wenn man mehr als das Organ betrachtet, das primär befallen zu sein scheint. Ein besonders gutes Beispiel dafür ist die chronische Herzschwäche: Hier behandelt man viele andere Organe, aber nicht – oder nur ganz wenig – das kranke Herz. Nur wenn man den ganzen Organismus im Blick hat, funktioniert die Therapie. Dies lässt sich auch an folgendem Beispiel zeigen: Wir haben kürzlich einen biochemischen Mechanismus beschrieben, der zum Wachstum des Herzmuskels führt und dadurch eine bestimmte Form der Erkrankung auslösen kann. Dieser Mechanismus scheint aber auch in Tumoren bösartiges Wachstum zu fördern. Wir hoffen, dass wir diesen Mechanismus eines Tages blockieren können, müssen uns dafür aber über mögliche Nebenwirkungen im Klaren sein. Würde diese Form der Behandlung von Krebs beispielsweise dazu führen, dass das Herz aufhört zu wachsen? Für eine solche Herangehensweise in der Medizin, die in Zukunft besonders erfolgversprechend und wichtig sein wird, ist das MDC die ideale Einrichtung. Hier gibt es sehr verschiedene Expertisen und Technologien, viele Blickweisen auf den menschlichen Organismus, die im Zusammenspiel ein integratives Verständnis von Erkrankungen ermöglichen können.

Welche Technologien werden künftig eine Rolle spielen?
Als Vorreiter in der biomedizinischen Forschung müssen wir immer wieder neue Technologien aufgreifen und auch selbst entwickeln, um Entdeckungen voranzutreiben. Es ist wichtig, dass man uns nicht nur als Forschende wahrnimmt, die interessante und aufregende Ergebnisse erarbeiten, sondern ebenso als diejenigen, die Technologien voranbringen – auch im internationalen Kontext. Ein Beispiel sind die neuen Techniken der Mikroskopie, die ich hier gern etablieren möchte. Sie ermöglichen ein ganz neues Verständnis von Gesundheits- und Krankheitsvorgängen, weil man Strukturen im lebenden Organismus sichtbar machen kann, die man vorher gar nicht kannte. Deswegen wollen wir in den nächsten Jahren verschiedenen Verfahren der Bildgebung mehr Raum geben.

Mit dem Experimental and Clinical Research Center (ECRC) und dem Berliner Institut für  Gesundheitsforschung (BIH) ist das MDC eng mit der Charité verbunden. Wie wird sich die weitere Zusammenarbeit gestalten?
Das ECRC ist eine eingespielte Struktur, die sich sehr positiv entwickelt hat, und die für das MDC sehr wichtig ist – als der bisherige Kristallisationspunkt, an dem sich Kliniker und Grundlagenforscher treffen, wo Methoden und Fragen ausgetauscht werden können und der gegenseitigen Inspiration dienen. Es ist ein gutes Beispiel dafür, wie translationale Forschung funktionieren kann.
Das BIH muss als Struktur neu aufgebaut werden, das ist eine riesige Aufgabe für alle beteiligten Akteure. Derzeit befindet sich das BIH in dem Prozess, sich einen wissenschaftlichen Fokus zu geben. Dieser soll vor allem darauf beruhen, dass große Datenmengen über einzelne Patienten und Patientengruppen erhoben werden, um neue Erkenntnisse über Erkrankungen zu gewinnen. Das MDC und auch das ECRC verfolgen bisher einen komplementären Ansatz, nämlich aufgrund weniger Daten hypothesengetrieben zu arbeiten. Diese beiden Ansätze sollen sich ergänzen: Das BIH wird aus einem großen Pool an Daten Hypothesen generieren und damit Material schaffen, welches das MDC und auch die Gruppen, die sich im ECRC zwischen Charité und MDC zusammenfinden, aufgreifen und experimentell belegen oder widerlegen können. In diesem Zusammenwirken von daten- und hypothesengetriebenem Arbeiten können wir gemeinsam erfolgreich sein.
Es wird künftig vom BIH geförderte Forschungsprojekte geben, aber auch viele Projekte, die ihre Finanzierung aus anderen Quellen bestreiten. Das wird so sein innerhalb der Charité und auch innerhalb des MDC, und erst alles zusammen generiert dann das volle Spektrum dessen, was an medizinischer Forschung heute machbar, interessant und von Bedeutung ist.

Welche Schwerpunkte sehen Sie bei der künftigen Entwicklung des Wissenschafts- und Biotechcampus?
Die Erfahrung der letzten Jahre hat in Deutschland, aber auch im Ausland gezeigt, dass es nur wenige Stellen gibt, an denen eine Biotech-Gründerszene erfolgreich sein kann. Führend sind Martinsried,
Heidelberg und Berlin, genauer Berlin-Buch. Der Campus Buch bietet ideale Voraussetzungen dafür, dass Ergebnisse aus der Grundlagenforschung ihren Weg in die Anwendung finden. Dazu gehören
die enge Zusammenarbeit mit klinischen Forschern im ECRC und BIH sowie der BiotechPark mit seiner etablierten Infrastruktur. Um dieses Potenzial bestmöglich zu nutzen, wollen wir Ausgründungen auf dem Campus fördern und verstärkt mit etablierten Industriepartnern kooperieren.

Wie wollen Sie Ausgründungen fördern?
Es gibt am MDC eine ganze Reihe von Entdeckungen, die sich als medizinische Technologien oder Arzneimittel eignen würden. Wir überlegen, wie wir solche Themen und Projekte mit möglichst großen Chancen auf eine Zukunft umsetzen können. Ein Schritt in diese Richtung ist es, einige davon als Pilotprojekte zu realisieren und dabei zu lernen, was gut funktioniert.
Es gibt viele Aspekte, die man bedenken muss: Wie nimmt so ein Projekt seine ersten Schritte, weg vom Ziel der Publikation, hin zum Ziel eines Patents? Wie wird aus einem Patent ein Projekt, das externe Fördergelder für die Unternehmensgründung akquirieren kann? Wie bieten wir Forschenden, die in solche Projekte gehen wollen, eine Perspektive? Könnten wir Zwischenstufen zwischen der akademischen Forschung und der Gründung etablieren? Es wäre nicht nur zu wünschen, dass Forschende in die Firmen gehen, sondern auch, dass Leute aus den Firmen mit Ideen ans MDC kommen. Daher überlegen wir, einen Inkubator zu errichten, in dessen Rahmen man anwendungsorientierte Projekte auf den Weg bringen und sehen kann, ob sie Erfolg haben, bevor man sehr viel Geld von außen braucht.

Interview: Christine Minkewitz
 

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