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Klinische Lipidologie – mehr als nur Cholesterin

09.02.2016 / Interview mit PD Dr. Karsten-Henrich Weylandt, Leiter der Hochschulambulanz für Lipidologie im Experimental and Clinical Research Center (ECRC) von Charité und MDC

Herr Dr. Weylandt, Sie sind Wissenschaftler und Arzt und forschen auf einem Fachgebiet, das sich nur schwer einem einzelnen Bereich der klinischen Medizin zuordnen lässt. Warum ist die Lipidforschung so interessant für Sie?

Ich bin als Gastroenterologe und Stoffwechselmediziner tätig, das klinische Spektrum reicht dabei von Stoff wechselstörungen wie den klassischen Fettstoffwechselerkrankungen (Hypercholesterinämie, Hypertriglyceridämie) und der Fettleber bis hin zu komplexen Ernährungsstörungen wie dem Kurzdarmsyndrom. Das Behandlungsspektrum umfasst auch autoentzündliche Prozesse wie die chronisch entzündlichen Darmerkrankungen sowie Krebserkrankungen, etwa das hepatozelluläre Karzinom und das Kolonkarzinom. Die Lipidomik ist hier ein Ansatzpunkt für eine bessere Prävention und Behandlung vieler dieser Erkrankungen: Omega-3-Fettsäuren werden zur Behandlung von Fettstoffwechselstörungen und im Rahmen von Leberfunktionsstörungen, z. B. bei Kurzdarmsyndrom eingesetzt und bieten möglicherweise auch ein Therapiepotenzial bei der Fettleber. Aspirin als Medikament zur Hemmung der Bildung von Fettsäure-Hormonen wie den Prostaglandinen ist in der Herz-Kreislaufmedizin essenziell und in den letzten Jahren auch immer mehr zu einem wichtigen Kandidaten zur Tumorprävention im Verdauungstrakt geworden.

Woran forschen Sie genau?

Wir untersuchen die biologischen Funktionen von Lipiden (Fetten) und ihren Stoffwechselprodukten. Viele Befunde weisen darauf hin, dass bestimmte Störungen des Lipidstoffwechsels bei der Entstehung und dem Verlauf von Erkrankungen wie Krebs, Entzündungen und neurodegenerativer Prozesse eine entscheidende Rolle spielen. Andererseits werden Omega-3-Fettsäuren seit langem damit in Verbindung gebracht, Entzündungen zu mindern. Sie könnten auch eine Rolle dabei spielen, die Bildung von Tumoren zu verhindern.

Welche Patientenstudien führen Sie durch?

In einem Studienschwerpunkt beschäftigen wir uns mit Patienten, die eine Fettstoffwechselstörung haben und dafür mit einer besonderen Blutwäsche behandelt werden. Hier versuchen wir, den Effekt dieser Intervention auf das Lipidom, also das weite Spektrum der Fettsäureprodukte, zu verstehen, um dann die Gabe von schützenden Medikamenten wie Aspirin, Statinen und eben Omega-3-Fettsäuren zu optimieren. In einem weiteren Ansatz führen wir derzeit Messungen bei Patienten mit Darmerkrankungen (chronisch entzündlichen Darmerkrankungen, Kolonkarzinom) durch, um hier das Vorkommen und die Rolle verschiedener Fettmetabolite zu entschlüsseln. Schließlich verfolgen wir aktuell ein Projekt zur Analyse der Rolle essentieller Omega-3- und Omega-6-Fettsäuren bei Kurzdarmpatienten, die komplett intravenös ernährt werden.

Welche Patienten können sich in Ihrer Hochschulambulanz vorstellen?

Am ECRC bieten wir eine Fettstoffwechselsprechstunde an, in der Patienten mit erhöhtem Cholesterin und/oder Triglyzeriden beraten und behandelt werden. Gleichzeitig ist die Lipidologie am ECRC für Patienten auch Eingangspforte zu anderen ambulanten und klinischen Ressourcen der Charité: Viele unserer Patientenstudien basieren auf der engen Zusammenarbeit mit z.B. der Kurzdarmsprechstunde am Campus Mitte, den Fettstoffwechsel- und Lebersprechstunden und der Poliklinik für chronisch entzündliche Darmerkrankungen am Campus Virchow-Klinikum.

Schließlich interessieren uns besondere Diätformen: So ist die sehr fettreiche und kohlenhydratarme „ketogene“ Diät als Behandlung bestimmter Kindheitsepilepsien etabliert, in ihrer langzeitigen Stoffwechselwirkung bei erwachsenen Patienten mit entzündlichen Erkrankungen wie z. B. der Multiplen Sklerose aber noch nicht verstanden. Hier analysieren wir die Auswirkungen dieser Umstellungen, um potenzielle Nutzen und Risiken besser zu erkennen.

Ihre Hochschulambulanz ist Teil des ECRC von MDC und Charité – welche Vorteile ergeben sich daraus?

Der Campus Berlin-Buch ist einer der spannendsten Plätze für die Lipidmetabolit-Forschung in Deutschland: Mit der Lipidomix GmbH findet sich hier ein hervorragendes Labor für die Lipidanalytik, und die Omeicos Therapeutics GmbH ist eine der ersten Biotech-Firmen, die neue small molecular compounds auf der Basis von Omega-3-Fettsäuren entwickelt. Die wissenschaftlichen Grundlagen dafür – ebenso wie viele wissenschaftliche Impulse für unsere ECRC-Hochschulambulanz – kommen aus dem Labor von Dr. Wolf Schunck am Max-Delbrück-Centrum. Als Konzept- und Denkraum zwischen Klinik und Forschung hat die Hochschulambulanz zum Beispiel zu einem Promotionsprojekt geführt, das sich im Rahmen des Berliner Instituts für Gesundheitsforschung mit der Rolle von Omega-3-Fettsäuren bei der Prävention von Lebererkrankungen befasst.

Quelle: buchinside 3/2015

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